Counterbox

........Im Folgenden beschreibe ich durch eine Art "Gleichnis" (und verarbeite dadurch ein Stück weit)
die sonderbaren Erfahrungen, die ich in freikirchlichen "Glaubens-Gemeinschaften" machte.
........Das "Geröllfeld"
ist der Weg durch das Leben. Die Party und der Königshof in der Ferne
sind das Ziel - der Himmel. Die zarte Musik ist der Heilige Geist,
sozusagen die "Stimme" Gottes und unser "Beistand", dass wir diese Reise durchstehen.
........Die am Anfang
beschriebenen Personen sind mein damaliger "Hauskreis", den ich innerhalb einer
freikirchlichen Gemeinde mal gründete für Leute, die "am Rand" standen und in der Gemeinde nicht so recht "der Norm entsprachen" - Single's, kein Haus, keinen Zweitwagen, keine Familie, keine Gesundheit,....
Dieser Hauskreis war längere Zeit ein echter "Segen", eine sehr erfreuliche Gemeinschaft.
Aber irgendwann nahm das Übel seinen Lauf.... - - Viel Spaß - äh, gute Erkenntnisse - beim Lesen!

 




 

       © 2005 by tante frieda
Parabel über den Weg eines
Lebens-Wanderers unter “Frommen“
Um den Königshof zu erreichen, wo die große Party stieg, galt es, ein - nicht zu unterschätzendes - Geröllfeld zu durchqueren. Ein Riesen-Territorium, viel Staub, große, rostige Gegenstände, tückische Gräben und unerwartete Schlammlöcher, vom rauhen Klima ganz zu schweigen. Durch den vielen Rost lag ein eintöniges, unangenehmes, blasses und doch aufdringliches Rost-Rot über der Prärie.
Aus verschiedenen Richtungen trafen an einer Stelle einige Party-Pilger aufeinander. Einer davon, die Trainerin, sah all die Einzel-Gestalten jeden vor sich hin wandern. Warum sich allein durch diese ätzende Region schleppen? So sammelte sie einige zusammen. Sie kamen nicht nur aus verschiedenen Richtungen, sondern waren auch so verschieden wie Tag und Nacht.
Die neue Gemeinschaft nannten sie einfach "Festzug". Das waren die Nixe, der Unsortierte, die Elfe, der Bedächtige, der Selbstquälerische und eben die Trainerin.

Die Trainerin ging meistens vorweg und inspizierte den Weg. Sie tastete sich Meter für Meter vor auf dem kippeligen Untergrund. Es galt, über bizarr angehäuftes Geröll hinweg zu kraxeln, ständig die Gegend mit den Augen abgrasend, wo man am besten vorwärts kommen könne. Die Trainerin kümmerte sich um das Befinden der Einzelnen und den Zusammenhalt der Gruppe. Beim Wandern blieb man relativ dicht beieinander, jeder hielt die Augen offen, damit niemand verloren ging oder unnötig stürzte.
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Als sich gerade jeder auf seine Füße konzentrierte, hallten durch die kahle Landschaft die unüberhörbaren Schreie des Selbstquälerischen. Nachdem alle beruhigend auf ihn eingeredet hatten, konnte man weiter kraxeln. Da fing er schon wieder an zu schreien. Wegen Nichts. Er schrie einfach, steigerte sich in irgendwas hinein. Die Elfe hüpfte - fast schwebend - mutig von Geröll zu Geröll zu ihm hin, wirbelte dabei etwas ungeschickt eine Ladung Rost auf und schleuderte ihm aus Versehen ein paar herumliegende Kleinteile und moderige Algen vor die Füße. Das "beruhigte" ihn etwas, indem es ihm kurzweilig die Sprache verschlug. Es stand ihm die Verwirrung darüber ins Gesicht geschrieben - seine Lippen bewegten sich noch einige Male wie die eines Fisches, der sich gerade in einem Gewässer mit geringem Sauerstoff-Anteil befindet. Dann setzte er schweigend weiter einen Fuß vor den anderen und lauschte dem Wind, den man zwischen den rostigen Teilen durchpfeifen hörte. Ab und zu, wenn man ganz still war, konnte man darin eine sehr leise, aber geniale Musik mitschwingen hören. Unglaublich! So weit weg wurde sie erzeugt - und man konnte etwas davon hören! Ein bisschen Original-Sound von der großen Party.... Immer, wenn die "Festzug"-Leute um das morgendliche oder abendliche Feuerchen saßen, konnten sie etwas davon hören. Manchmal auch einfach so zwischendurch....

Die Schlamm-verschmierte Nixe hatte einen verkrümmten Rücken, sodass sie fast bei jedem Tümpel, wenn der Boden weicher wurde, vornüber kippte und mit dem gesamten Oberkörper im Schlamm stecken blieb. Wirklich kein schöner Anblick. Sie klagte immer wieder über den Schlamm und konnte wegen der zugekleisterten Ohren sogar die Musik nicht mehr hören, die der Wind leise mitbrachte. Die anderen litten wirklich mit ihr. Aber sie wussten keinen Rat. So lauschten sie immer wieder auf die geheimnisvolle Musik. Zwischendurch ständig das gewohnte Matsch-Geräusch. Eigentlich war die Nixe groß und schön, aber irgendetwas hielt ihren Rücken verkrümmt. Etwas Unsichtbares. Was mochte das sein? Die Trainerin ahnte etwas, aber das war noch nicht ausgereift. Sie musste die Matsch-Orgien erst noch weiter erforschen und von der Wind-Musik ihre Gedanken leiten lassen. Der Bedächtige war ein stiller Geselle, der die Geröll-Hügel Stück für Stück, Teil für Teil erklomm. Er schob rostige Stahlmatten zur Seite und schlich geschickt durch Berge von Rost-entstellten Konservendosen mit z.T. gefährlich gezackten, abstehenden und verbogenen Deckeln. Man ging gerne in seiner Nähe, dann wusste man wenigstens, wo man hintrat. Das wusste auch der Unsortierte zu schätzen, der den eiskalten Wind hasste und auf diese Weise auch etwas Windschatten nutzen konnte. Das Gerümpel-übersäte Feld wirkte unangenehm tot. Fast wie eine Mars-Landschaft. Zwischendurch schlickige Algen oder schwer erkennbare Schlammlöcher. An den sperrigen, rostigen Teilen konnte man sich leicht Haut abschürfen, gegen spitze Kanten hauen, irgendwo abrutschen. Eine öde Gegend. Nicht gerade ein Labsal für die Seele. Zum Glück war da zwischen dem kalten Wind immer wieder der zarte Wind mit der leisen Musik. Das hielt die "Festzug"-Leute am Überleben. Ab und zu kam so ein leiser Hauch rüber - von der großen Party.
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Niemand konnte das alles so wirklich durchblicken. -Wozu all das Elend? Warum musste man durch diesen Dreck? Warum sah das hier so aus? Aber kaum konnten die Gedanken sich entfalten, da hallte ein klirrendes Geräusch durch den eisigen Abendwind. Der Unsortierte war von einem rostigen Teil abgerutscht und gestürzt. Dabei war seine Brille runtergefallen und an einem Stein zerschellt. Völlig zersplittert. Jetzt konnte er vorerst kaum noch was erkennen. Die anderen sortierten seine Knochen und man ruhte sich erst mal eine Zeitlang aus. Sie setzten sich hinter einen alten Bootsrumpf, um sich etwas vor dem eisigen Wind zu schützen. Als alle beieinander saßen, merkten sie, dass einer fehlte: Die Nixe war wieder irgendwo im Schlamm stecken geblieben. So gingen die Trainerin und die Elfe sie suchen, während die anderen auf den leisen Wind warteten.
Die Elfe war wirklich sehr anmutig und eifrig, aber sie hüpfte so aufgeregt umher, dass sie ständig Teile aufwirbelte, die der Trainerin gegen den Kopf flogen oder ihr anderswo blaue Flecken verursachten. So konnte diese kaum noch nachdenken, weil sie ständig von einer Wolke aus Rost und fliegenden Gegenständen umgeben war. Sie war schon völlig erschöpft, wollte aber auch den Eifer der Elfe nicht bremsen. Während der Nachtruhe in einem großen Steintal schlief die Elfe sehr fest und die Trainerin hatte endlich etwas Ruhe zum Denken. Allmählich konnte sie die leise Musik wieder hören. Sie lauschte sehr gespannt, ja sogar gierig... Diese zarten Geräusche waren der absolute Kick. Zwischendurch fuhr sie erschreckt zusammen, wenn die Elfe sich im Schlaf geräuschvoll umdrehte und dabei einen Haufen Dreck aufschleuderte. Nach einigen Momenten der Erholung versank die Trainerin wieder in der unglaublichen Musik. Am nächsten Morgen machten sie sich ein Feuerchen und waren gerade dabei, Kaffee aufzugießen, als ihnen ein bekanntes Geräusch ans Ohr drang. Eine unterdrückte, fast flüsternde Stimme, begleitet vom Zerknicken einer getrockneten Schlammschicht. Im rostigen Morgennebel stand sie plötzlich am Lagerfeuer: Die Nixe. Die Elfe zappelte gleich aufgeregt mit den Füßen und hätte beinahe das Kaffeewasser runtergerissen. Die Trainerin rieb sich ungläubig die Augen und beide umarmten die Schlammsäule. Während die Männer einige Stunden entfernt hinter dem Bootsrumpf noch betreten um das Frühstück saßen, schweigend -auch der Selbstquälerische, den hatte man vorsichtshalber mit einer Socke geknebelt -, schlürften die Frauen unterdessen fröhlich in ihrem Steintal Kaffee. Sie baten die Nixe, von ihrer Rettung zu erzählen. Jedoch schon bevor sie das erste Wort aussprach, verbreitete sie eine Grabesstimmung. Der Elfe und der Trainerin wuchsen schon rostige Fragezeichen aus den Ohren, die sie später einfach abknickten und zu dem anderem Kram, der verrostet überall herumlag, dazuschmissen. Frustriert hörten sie zu, wie die Nixe ein Horror-Szenario nach dem anderen vor ihnen ausbreitete. Es war, als ob sie das Grauen magisch anzog, sich auf nichts anderes konzentrierte. Sie zelebrierte das Aufspüren der Tümpel. War es ein Fluch, der auf ihr lag? Wohl kaum. Es war eigentlich eine Energiequelle, an der sie saß, die aber ständig nach hinten losging. Sie hatte die wundervolle Gabe, Gefahr zu wittern, wenn noch niemand etwas sah, und hätte die "Festzug"-Leute sehr zuverlässig damit schützen können. Aber sie behielt alles nur für sich und verstieg sich total in dieser klebrigen Masse der Angst, sodass sie sich in alles stürzte, was die Angst ihr zeigte.
"Angst ist doch was Unsichtbares", dachte die Trainerin bei sich. Langsam wurden die Gedanken klarer, die nach und nach mit Hilfe der leisen Musik in ihr Gestalt annahmen: War das das Unsichtbare, was der Nixe den Rücken verkrümmte? Angst? Vielleicht war es mehr die kompakte Menge derselben. Die nutzlose Anhäufung von Horror-Szenarien im Kopf. Die Nixe wollte all das Grauen für sich alleine behalten.... Sie ahnte nicht im geringsten, dass sie an einer Quelle saß, die sie befähigen konnte zu etwas ganz anderem, ja unglaublichem: ...nämlich Mut!...
"Mut?" wiederholte die Nixe und zupfte sich die getrockneten Schlamm-Brösel aus den Augenbrauen. Die Trainerin zuckte zusammen, sie hatte gar nicht gemerkt, dass sie am Schluss ihrer Gedankengänge dieses Wort laut ausgesprochen hatte. Daraufhin knickte die Elfe sich die nächste Ladung Fragezeichen aus den Ohren. Eine kleinere Menge Rost und Metallsplitter gingen dabei knapp an ihrem Kaffeebecher vorbei. Alle schauten schweigend ins Feuer. So ging fast eine halbe Stunde dahin. Immer deutlicher vernahmen sie die leise Musik aus der Ferne. Das wirkte irgendwie aufbauend. Fast wie eine Medizin. Sie genossen es einfach. Das kleiner werdende Feuer hatte immer andere Formen. Die Holzlatten und Pappreste fielen zusammen, ab und zu flog ein Funke. Dann sagte die Trainerin in die Stille hinein: "Wir sollten uns aufmachen und wieder zu den anderen stoßen. Sonst machen die sich unnötig Sorgen." Noch ein paar Minuten wurde das verreckende Feuerchen genossen, dann suchte allmählich jeder sein Handgepäck zusammen. Langsam setzte sich das Damen-Grüppchen in Gang. Etwa eine Tagesreise trennte sie von den anderen. Erstaunlicherweise war die Nixe schon ein wenig zuversichtlicher geworden. Sie ging auch nicht mehr ganz so weit vornüber gebeugt.
Die Männer konnten die Ungewissheit der Situation nicht mehr ertragen. Der Unsortierte nörgelte rum und fing halbwegs an zu phantasieren, der Selbstquälerische wurde zunehmend unruhiger aufgrund seines neurotisch-penetranten, aber gerade deshalb nicht so sehr effektiven Helfer-Syndroms und der Bedächtige war von allem genervt und schlief ständig ein. So entging er den ständigen Vorträgen der anderen. Er versenkte sich ein wenig in seine Traumwelt.... Aber - was mochte er wohl träumen? Er dachte an den Königshof. Bei Königen gibt es doch .... -? Genau: Prinzessinnen. Was für welche? Zum Beispiel quellende, fette, mit dröhnender Stimme, kräftigen Muskeln, breiten Käsefüßen mit Fußpilz und Hühneraugen- mit knallrotem Nagellack geschmackvoll abgerundet...?.. Nein, an diesem Königshof sollte es angeblich jene zarten Wesen geben, die so wunderschön waren, dass man sie erst zu sehen bekommen würde, wenn man dort war. Dort sollte sowieso alles so unglaublich exzellent und herrlich sein, dass man es während der Geröllfeld-Durchquerung gar nicht würde ertragen können. Der Bedächtige konnte sich in seinen Träumen noch so anstrengen, er schaffte es nicht, sich so was Wundervolles auszumalen. Wenn er morgens seine Augen aufschlug, die Käsefüße des Unsortierten vor der Nase spürte und der Luftstrom vom Schnarchen des Selbstquälerischen durch sein Haar fuhr, war er wieder ernüchtert. Der Alltag stand - bzw. schnaufte - wieder vor ihm. Doch diesmal hatte er es satt, sich wieder in den Schlaf sinken zu lassen. Er entschied sich zur Tat. Zerknittert erhob er sich vom Lager, fing an, das Frühstück zu bereiten und klopfte zwei rostige Bleche dermaßen zusammen, dass die beiden anderen wie unter Strom vom Lager aufschossen, sich die zerknitterten Augen rieben und mit offenem Mund lauschten, wie der Bedächtige anordnete: "So, Jungs, Schluss mit dem Gegammel, - essen, anziehen, Sachen packen, - wir gehen den anderen etwas entgegen, man weiß ja nie, wenn die da so alleine rumlaufen - und überhaupt - kapiert?!" Unbeholfen kroch jeder in seine Tages-Klamotten. Sie hätten gern noch ein Stündchen länger geschlummert, da es am Vorabend auch ein wenig später geworden war. Der Unsortierte wäre beim Anziehen der Socken beinahe gestrauchelt. Er konnte sich aber gerade noch fangen, zerstampfte dabei jedoch versehentlich die Zahnpasta des Selbstquälerischen. Der Inhalt schoss aus der Tube und entfaltete sich direkt in den Schlafsack des Bedächtigen. Auch das noch! Man holte ihn kleinlaut zur Unglücksstelle. Allein an seiner allmählich beschlagenden Brille konnte man seinen Genervtheitszustand erkennen. Die anderen tätschelten überfreundlich an ihm herum, damit er nicht explodieren würde... Nach einer kurzen, sehr gespannten Stille putzte er den Nebel von seiner Brille und sagte kurz und streng: "Frühstück ist fertig." Alles ging seinen Gang. Teilweise grinsend schoben sie sich ihre Stullen rein. Für das Überleben war irgendwie gut gesorgt. Hier und da fand man am Wegesrand Holzkisten mit allen möglichen Vorräten darin. Niemand wusste so wirklich, wo die herkamen. Wollte man allerdings besonders leckere Sachen rationieren und aufheben, waren sie garantiert am nächsten Tag schlecht, obwohl das Datum noch lange nicht abgelaufen war. Eine sehr merkwürdige Angelegenheit. Also musste man darauf vertrauen, jeden Tag so eine Kiste zu finden. Die Holzlatten waren sehr praktisch als Brennholz. Wenn man zurückschaute, war eigentlich alles überstehbar gelaufen. Aber beim Blick nach vorne war doch immer ein gewisses Unbehagen über die Ungewissheit der Reise. Was würde noch kommen? Würde man es schaffen? Ist das Ziel erreichbar? Aber da war ja immer wieder die Musik, die die Fähigkeit hatte, die Hoffnungsflamme zu ernähren. Was wollte man überhaupt auf der Party? Eigentlich nur dabei sein und auf keinen Fall was verpassen von der Unglaublichkeit dort.... Dafür lohnte es sich sogar, diese ätzende Gegend auf diese Weise zu durchqueren. "Habt ihr euer Zeug?" fragte der Bedächtige. Der Unsortierte stand schon fertig da. Der Selbstquälerische wurschtelte noch immer in seinem Handgepäck herum. Er musste immer alles ganz exakt stapeln und anordnen, sonst konnte er sich nicht auf seine Schritte konzentrieren. So gingen sie eine halbe Tagesreise zurück, den Frauen entgegen. Als die Strecke fast geschafft war, konnten sie tatsächlich von weitem schon die anderen erspähen. Es waren drei! Die Nixe war also gefunden worden und vermutlich bei Gesundheit. Erleichterung beflügelte die Schritte. Der Selbstquälerische wollte gerade ein paar seiner umständlichen Kommentare zur Lage geben, da konnte er den Mund auch schon gleich wieder zumachen: Der Unsortierte kam ihm mit einem Schrei zuvor. Er war plötzlich lang hingeschlagen. Die beiden anderen untersuchten das Häuflein Elend. Wieso konnte er hier stürzen? Sie befanden sich gerade auf relativ freiem Feld. Ab und zu ein größerer Gegenstand, den man aber schon von weitem sehen konnte. Hatte er vielleicht ein offenes Schuhband, oder was wölbte sich da um seinen Fuß? Nein, das war was Hartes - und fest im Boden verankert war es auch noch. Ein versteinertes Seil vielleicht? Der Bedächtige schabte etwas Sand weg, dann noch etwas. Der Selbstquälerische, den selbst der Anblick einer Maus schon zum Verstummen bringen konnte, wirkte zunehmend unruhiger und trat nervös von einem Bein auf’s andere, während der Bedächtige weiter im Sand schabte. Bei weiterem Ausgraben entpuppte sich der Stolper-Bogen als Überbleibsel eines Gerippes... Wie ungemütlich. Der Unsortierte hatte sich nur ein wenig das Knie abgeschürft und einen größeren blauen Fleck am Fuß. Der Bedächtige half ihm hoch und schaute nachdenklich auf das Gerippe im Sand. Wer mochte da gestrandet sein? Der Selbstquälerische konnte seine in Richtung Hysterie tendierenden Gesichtszüge kaum verbergen. Man sammelte schweigend das verschüttete Handgepäck des Unsortierten wieder ein, der nach ein paar zusammenhanglosen Kommentaren den Staub aus seiner Hose klopfte. Die drei wollten ja auch nicht allzu verdreckt den Mädels gegenübertreten. Sie setzten ihren Weg fort, die drei Gestalten am Horizont wurden immer besser erkennbar. Nach einer guten halben Stunde trafen sie sich. War echt nett, dass wieder alle zusammen waren. Da es nun nicht mehr so sehr lange hin war bis zum Einbruch der Dunkelheit, schaute man nach der nächstbesten Gelegenheit für's Nachtlager. Der Bedächtige zerkloppte in aller Ruhe eine von den Kisten, die ab und zu rumstanden und bereitete das Feuerchen vor, die Elfe räumte ein paar Gegenstände zur Seite, damit die Schlafsäcke gemütlich ausgebreitet werden konnten. Der Selbstquälerische und der Unsortierte versuchten, die Nixe zu überreden, dass Grillkartoffeln doch viel leckerer seien als so ein labberiges Stockbrot und die Trainerin verteilte den Inhalt der Kiste so, dass jeder irgendwas fürs Essen vorbereiten konnte. Kartoffeln einwickeln, Gurken und Tomaten schneiden, Quark anrühren, Getränke hinstellen, "Tafel"-Platz aufbauen. Während jeder so vor sich hin schnitzelte und räumte, fragte sie ein bisschen rum, wie es jedem so ergangen ist. Dabei entstanden die unglaublichsten Verwicklungen. Einerseits wurde von den bedrückenden Reiseerlebnissen berichtet, andererseits versank man vor Lachen beinahe im Staub. Der Abendhimmel war schon ziemlich rot geworden - der Anblick war etwa so schön wie der Klang der entfernten Musik. Wesentlich schönere Farbtöne als der rostfarbene Müll überall. Jetzt musste der Bedächtige sich ranhalten, damit das Feuer rechtzeitig groß genug war, bevor die Sonne ganz weg war. Es wurde auch schon merklich kälter. Nach und nach holten alle ihre Thermo-Jacken raus. Das Abendessen war sehr festlich, -wenn das Geschreie des Selbstquälerischen nicht gewesen wäre. Wie sollte die Trainerin damit umgehen? Sie wollte, dass die anderen sich trauen, etwas mehr aus sich herauszukommen, aber: der Selbstquälerische übertönte sie alle. Da erinnerte die Trainerin ihn ganz vorsichtig an etwas recht Unangenehmes von unterwegs: Da war doch das Gebein im Sand... Schon sah man ihn wieder mit den Augen rollen und nach Worten suchen, die er über alles ergießen könne, was zur Debatte steht. Aber die Trainerin blieb hartnäckig. Sie ließ ihn nicht zu Wort kommen und fuhr mit ihren Gedanken fort: "Erinnere dich an das Gerippe! Was fehlt daran?" "Na, Fleisch, würde ich mal sagen-", sagte der Selbstquälerische und wollte das Ganze gerade wieder zu einem Vortrag ausweiten, als die Trainerin ihm direkt das Wort abschnitt: "Das ist korrekt," sagte sie, "ohne Fleisch ist es nur ein Gerippe. Ohne Leben. Tot. Es liegt nur rum. Man kann sich darin verhaken und stolpern. Man kann dort weder Trost noch Hilfe finden, weder Wärme noch Liebe. Es ist ein wunderbares Kunstwerk, aber es ist nur halb, eben nicht vollständig. Es fehlt was!" Alle sahen dem Selbstquälerischen an, dass er mühsam nach Worten ruderte, aber die Trainerin fuhr fort: "Viele kostbare Worte kommen aus deinem Mund. Aber sie sind nur halb. Roh-Diamanten. Gerippe.” Der Selbstquälerische sagte nichts mehr. Seine Atemluft formte sich in der Abendkälte zu vielen kleinen Fragezeichen, die in der Nähe des Feuers undeutlicher wurden und sich auflösten. Die anderen stocherten nachdenklich im Feuer. Nach einer Zeit des Schweigens ( -auch des Selbstquälerischen!- ) fuhr die Trainerin fort: "Was ist besser: Viele Gerippe, die in die Gegend geschmissen werden, -oder wenige intakte Wesen, die wirklich etwas bewirken können?" Der Selbstquälerische wusste zwar nicht mehr recht was zu sagen, schmatzte kopfschüttelnd vor sich hin, aber soweit der Schein des Feuers das zuließ, konnte man auch geringfügig Entspannung auf seinem Gesicht sehen. Ein bisschen, als wäre er dabei, mit sich selbst Waffenstillstand zu vereinbaren... Er sagte nichts, aber in seinem Kopf schien sich manches abzuspielen. Er begann, sein "Spiel" ein wenig zu durchblicken. Er dachte, er müsste sich jeden Problems -zumindest verbal- annehmen, jeden und alles verteidigen, sei für alles verantwortlich. Er verstreute sich in alle Richtungen, warf alles voller Gerippe. Das war natürlich nicht so wirklich effektiv, wurde sogar manchen zum Stolper-Bogen. Er war so mit der Verteidigung von Rahmenbedingungen und penetranten Nebensächlichkeiten beschäftigt, dass der Inhalt ihm fremd geworden, ja von ihm sogar gemieden wurde: Das Leben selbst. Warum? Zu riskant? Zu persönlich? Warum sollte man für etwas eintreten, was man selber fürchtete? Jedenfalls war das Verteidigungs-Gezeter auf Dauer auch nicht befriedigend, weder für ihn, noch für die anderen. Was sollte er tun? Es war wirklich schwierig und anstrengend mit ihm. Er wollte alles im Griff haben und auch Schwache verteidigen, - Hauptsache, er würde niemals auch nur andeutungsweise den Eindruck machen, selber in irgendeiner Weise bedürftig oder schwach zu sein. Davor hatte er eine Höllenangst. Wirklich sehr anstrengend. Das unkontrollierte Geschreie war auch sehr zermürbend. Ein wenig vergleichbar mit einem überdimensionalen Baby von einer unbekannten Riesen-Menschen-Rasse. Für den Rest des Abends hielt er sich einigermaßen zurück, sodass auch die anderen den einen oder anderen Satz loswerden konnten. In einer der Kisten war sogar eine Flasche Wein, die noch genüsslich geleert wurde. Durch die Schwere der Kartoffeln und der anderen guten Dinge schleppte man sich kurz vor Mitternacht in Richtung Schlafsäcke. Der Bedächtige warf noch ein paar Bretter nach, das knisterte immer so gemütlich. Die frischen Funken waren kaum verglüht, da gingen die letzten unvermeidbaren Kommentare des Selbstquälerischen auch schon fast nahtlos über in gleichmäßige Schnarchgeräusche...
Der nächste Morgen war gekennzeichnet vom Aufräumen der abendlichen “Tafel”. Schade, dass die schönen Sachen immer so schnell zu ende sind. Alle Gepäckstücke festgezurrt stiefelte man los - heute mal durch Nebel. Schade, dann war die leise Musik noch schlechter zu hören. Düsternis und Schwere war nichts für die Elfe. Sie schwebte lieber leicht über alles hinweg. Sie war anmutig und lebensfroh. Doch sie interessierte sich nicht für mehr als die seichte Oberfläche. Alles weitere schien ihr suspekt und unnötig, ja sogar beängstigend. Die Trainerin beobachtete dies schon länger mit Besorgnis. Die Elfe selbst war auch nicht so wirklich glücklich mit diesem Zustand, aber sie brachte es nicht fertig, wenigstens auch nur heimlich mal hinter den Vorhang der Dinge zu schauen, - schon gar nicht hinter den eigenen. Zu groß war die Angst, sich irgendeiner dubiosen Tiefe zu stellen - und dort womöglich etwas zu entdecken, was dunkel sein könnte. Die Trainerin versuchte vorsichtig, sie zum “Vorhang” zu locken, aber die Elfe geriet jedes mal mehr in Panik. Sie witterte schnell auch nur die leiseste Spur von unbequemer Wahrheit und war mit nichts aus der Reserve zu locken. Empfand sie die Trainerin und ihre Denkanstöße als Spielverderber? Sie verteidigte ihren eingefleischten Lebenswandel dermaßen, dass die Trainerin mit Unruhe selbst durch den Nebel etwas Ungewohntes aufblinken sah. Was glänzte da im Dämmerlicht? Irgendetwas am Hinterteil der Elfe. Hatte sie einen Gürtel falsch herum umgebunden? Nein, das kann’s nicht sein. Als die Trainerin am Nachmittag direkt hinter der Elfe ging, blinkte dort schon eine etwas größere Fläche. Sollte... sollte sie etwa in letzter Zeit angefangen haben, ihren... Stachel auszufahren? Nur weil die Trainerin sie auf ihre oberflächliche Lebensweise aufmerksam gemacht hatte? Die Trainerin traute ihren Augen kaum. Der Stachel! Wie festgefahren musste die Elfe in allem sein, wenn sie solche Angst hatte. Und wie alt wollte sie noch werden, bevor sie bereit war, sich die Wirklichkeit wenigstens nur mal anzuschauen? Die Trainerin wurde immer trauriger.
Hinter ihrem Rücken sympathisierte die Elfe mit dem Selbstquälerischen. Beide wollten gerne mehr Macht. Neid hatte ihre Herzen verblendet. Sie schaukelten sich gegenseitig hoch. Eines Tages warf die Elfe einen Klumpen Dreck nach der Trainerin. Diese war so erschüttert, dass sie allen ankündigte, beim nächsten Lagerfeuer darüber sprechen zu wollen. Es kam noch schlimmer. Man wollte die Trainerin nicht am Feuer haben. Es half ihr auch niemand, ein Extra-Feuerchen anzumachen. So kroch sie ohne Abendessen bereits in ihren Schlafsack, um die Kälte nicht zu doll zu spüren. Aber sie fror noch mehr als sonst. Von außen und von innen. Konnte man so etwas fassen? Niemand hatte ein Wort zu ihr gesprochen, sie konnte Fragen stellen, so viel sie wollte - ein geschlossener Kreis um das Feuer. Ohne Lücke. Kalte, ignorante Blicke. Die Trainerin hatte sogar jeden einzeln angesprochen, ja es war ein Betteln, ein Flehen um Antwort. Eisiges Schweigen. Die Nixe war zunächst noch zwiegespalten, ergab sich aber schließlich dem Gruppenzwang. So ging es die nächsten Tage auch. Die Trainerin war so irritiert, dass sie gierig Antwort in der leisen Musik suchte. Fast jeden Abend weinte sie sich in den Schlaf. Was sollte diese sinnlose Grausamkeit? Wozu? Ihr einziger Halt war die zarte Musik. Eines Tages wagte sie es noch einmal, etwas deutlicher nachzufragen, was denn wohl gespielt werde. Da hob der Selbstquälerische ein paar Steine auf und warf einen nach dem anderen, erst bedächtiger, dann ohne Zimperlichkeiten, in Richtung der Trainerin. Sie war vor Entsetzen zunächst nicht mal in der Lage, wegzulaufen und erstarrte fast, während ein Stein nach dem anderen ihre ohnehin geschundenen Knochen traf. Die anderen standen hier und da in der Gegend herum und schauten jeder woanders hin in die weite rostige Landschaft. Hatten sie es wirklich nicht mitbekommen? Endlich schaffte die Trainerin es, sich hinter ihren Rucksack zu hocken. Doch dann traf sie ein Stein so heftig an der Schulter, dass sie nach hinten überkippte. Endlich wandte sich die Gruppe zum Gehen. Zum Gehen? Die Trainerin blutete an einem Bein und am Kopf. Sie kroch hinter einen Findling, der ein paar Meter entfernt lag. Tatsächlich, ihre “Schützlinge”, in die sie sich sehr intensiv investiert hatte, zogen sehr selbstverständlich und ungerührt ihren Weg weiter. Der Selbstquälerische hatte sich unter Mithilfe der Elfe zum neuen “Leiter” der Expedition erhoben und alle folgten wie tote Fliegen, die wehrlos aufgeschaufelt und einfach mitgenommen werden. Die Trainerin lag unter Schock hinter dem Findling. Sie hörte die sich entfernenden Schritte immer leiser, nur ab und zu noch ein gedämpftes Klappern, wenn der Unsortierte mal wieder hinfiel. Nach ca. 20 min. wurde es ganz still. Das war’s. Ihre Mühe und Einsatz waren fort, sie lag hier nun und niemand interessierte sich für ihre Wunden.
Es wäre fast eine Blutvergiftung geworden aufgrund des umherfliegenden Roststaubes. Sie hatte keine Kraft, war sehr verzweifelt. Und ganz alleine. Es war einfach alles hundeelend. Als sie so dalag - es war bereits dunkel - versuchte sie, mit möglichst wenig Kraftaufwand ihren Schlafsack aus der Tasche zu ziehen. Als es endlich gelang und sie sich darin einrollte, hörte sie leise wieder diese Musik herüberschallen. Es war, als ob in dem Schall kleine Herzchen mitflogen, die auf ihren Schlafsack nieder schneiten. Allerdings nicht kalt wie Schnee, sondern mollig wie viele kleine Heizungen... Ein Teil in ihr sagte: “Darauf habe ich schon immer gewartet! Was ist das?” Soviel Gutes konnte sie in dieser schrecklichen Situation kaum ertragen und musste wieder weinen.
Die folgende Zeit war sehr hart. Sie ging ganz alleine weiter. Die Wunden begannen zu verschorfen, im Untergrund brannten sie aber noch recht heftig. Auch von innen fingen sie an zu heilen. Besonders wenn wieder der Herzchen-Regen kam, das löste immer so einen richtigen Heilungs-Schub aus. Manchmal nach einer Ruhepause fühlte sie sogar alte Kräfte wiederkommen. Hin und wieder konnte sie auch für ein paar Takte mit der leisen Musik mitsingen.
Manchmal dachte sie sogar, die Heilung sei jetzt abgeschlossen und nahm sich zu viele Kilometer pro Tag vor. Wenn sie dann schon am Nachmittag frustriert das Nachtlager aufschlagen musste, weil alle Kraft verbraucht war, bekam sie große Angst, dachte, es ist alles aus und nichts geht mehr, und alles bisherige sei umsonst gewesen. Doch dann kam wieder die leise Musik und erinnerte sie daran, dass die Heilung sich schubweise vollzieht und - noch nicht ganz abgeschlossen ist. Als sie während einer Pause sich niederließ und so über die karge Prärie schaute, war sie recht niedergeschlagen. “Wirklich ätzend. Warum ist nur alles so anstrengend?” fragte sie sich. “Gibt es nicht eine Abkürzung zu dieser Party?” Aber das gab es nicht. Geduld war angesagt. Als sie es kaum noch aushalten konnte, verzichtete sie abends sogar für ein paar Sekunden auf’s Atmen, um noch intensiver der Musik zu lauschen. Sie konnte sogar ein paar Worte darin verstehen: “...Eins nach dem anderen... Nur soviel du schaffen kannst...”
Eine Woche später traute sie ihren Augen kaum: Ein Häuflein Wanderer, auf das sie gestoßen war, war nicht nur freundlich zu ihr, sondern gab ihr auch noch Medikamente, nahm sie sogar in ihrer Gruppe auf und begann, sie wieder aufzupäppeln. Einfach so, ohne Bedingungen und Forderungen. So etwas fand sie sehr erstaunlich, fühlte sich wie im Märchen. Selbst, als sie zwischendurch Fehler machte, ließ dieses Wandergrüppchen sie nicht fallen. Noch ungewohnter war es für die Trainerin, sich tragen zu lassen. So etwas kannte sie nicht. Dass jemand getragen wird, ohne sich vorher dafür “qualifiziert” zu haben. Es war ihr oft irgendwie peinlich, und sie musste erst lernen, es anzunehmen.
Aber sie war so schlapp, dass ihr nichts blieb, als sich tatsächlich tragen zu lassen. Die anderen machten ihr keine Vorwürfe, forderten keine Erklärungen für ihren Zustand, warfen nicht mit Steinen, ja nicht mal mit Dreck, sondern trugen sie einfach nur.
Irgendwie hatte dieses Wandergrüppchen eine ähnliche Wirkung auf sie wie der eigenartige Herzchen-Regen. Komisch. Sollte es doch so etwas geben? Wanderer, die die leise Musik und die Herzchen nicht nur akzeptierten oder für den Notfall benutzten, sondern so genau hinhörten, dass sie wirklich ihre Kraft daraus schöpften? Wie konnte so was sein? Was war der Unterschied? Die Trainerin beobachtete alles sehr genau. Die Wanderer hörten sehr oft auf die Worte in der Musik. Ihre Ohren waren so geübt, dass sie es sogar ohne Luft-Anhalten hinbekamen, die Worte zu verstehen. Und es war alles ganz selbstverständlich. Niemand wurde ausgelacht. Niemand musste sich mit irgendwas beweisen. Wenn jemand durchhing, brauchte er nicht unter allgemeiner Belächelung um Verringerung des Wandertempos bitten, sondern er wurde geradezu aufgefordert, sich auf die Trage zu legen, um auf diesem Wege ohne Verluste weiter in Richtung Festsaal zu kommen.
Erstaunlich. Wirklich alles sehr merkwürdig.
Ab und zu dachte die Trainerin noch an den alten “Festzug” zurück und wurde sehr traurig wegen der unverständlichen Art, wie sie von jenem verlassen wurde. Dann mischte sie ihre Traurigkeit in die leise Musik und ließ sich von dem Herzchen-Regen wärmen. Die Wanderer sprachen ihr Mut zu und waren ihr auch ein Vorbild, wie sie noch besser auf die Worte in der leisen Musik hören konnte.
Was waren das für Leute? Die Trainerin wunderte sich immer wieder. Sie ertappte sich auch ab und an dabei, dankbar zu sein...
Überhaupt war ihr, als ob sie Dinge wahrnehmen würde, die sie schon völlig ausgeblendet hatte. Aber das waren immer nur kurze Lichtmomente. Noch war die graue Masse der Traurigkeit sehr dominant. Seit der legendäre “Festzug” sie verlassen hatte, war ja auch ihr letzter Lebenssinn geschwunden, auch traute sie ihren Augen und Ohren nicht mehr, war wie gelähmt. Sie fühlte sich schrecklich einsam, enttäuscht und verlassen. Jeglicher Saft in den Adern war ihr zu einer zähen Masse erstarrt, was wiederum die Bewegungen stark einschränkte. Sie konnte auch kaum noch klar denken, dachte oft, dass sie für die Wanderung nicht geeignet sei und wie es wohl wäre, wenn man sie unbemerkt vergessen würde und sie hinter irgendeinem Stein in Ruhe erfrieren oder sich vergiften könnte. Sie sah kein Licht mehr, fühlte nur noch die bleiartige Substanz in den Adern. Das Wandergrüppchen trug sie. Durch die Berührungen beim Tragen begann ganz allmählich diese zähe Masse ein wenig flüssiger zu werden. War dort doch noch ein klein wenig Leben drin? Sie ahnte hier und dort etwas, wurde aber zwischendurch immer wieder von ihrer Schlappheit niedergestreckt. Es war eine Qual. Wann würde sich die Wanderung wieder ertragen lassen? Was sollte das alles? Tja, wenn alles anders verlaufen wäre, hätte sie nicht das Wandergrüppchen angetroffen. Eigentlich hatte sie es hier auch viel besser. Aber sie konnte es irgendwie gar nicht genießen, denn sie war so überreizt, dass sie sich überhaupt nicht entspannen konnte. Alle Muskeln ihres Körpers waren hart wie Bretter. Nur die alleralleroberste Schicht war ein klein wenig gelockert vom Schütteln beim Tragen und durch die Wärme bei den Berührungen. Aber der Rest? Steinhart. Wie lange würde sie warten müssen- bei dem Genesungs-Tempo? Wann würde sie wieder laufen und sich bewegen können? Immer wenn sie dachte, jetzt müssen doch endlich mal Antworten auf ihre Fragen gefunden werden, dann - - kamen einfach noch ein Haufen Fragen dazu. Alles sehr zermürbend. Sie wusste schon gar nicht mehr, wo vorne und hinten ist. Weder Überblick noch Perspektive wollten sich zu ihr gesellen. Wieder diese Verkrampfung.
Warum konnte sie nicht gelassen sein? Irgendetwas fehlte ihr. Aber was?
Vielleicht Vertrauen? Sie hatte nie gelernt zu vertrauen, lebte immer in der Angst, hintergangen und ausgetrickst zu werden.
Ihre Verteidigungs-Kraft war verbraucht. Sie sehnte sich einfach nur nach Raum. Raum in Geborgenheit. Raum für Entfaltung. Raum in Sicherheit. Keine Tricks. Unendlich viel Respekt und Würde.
Scheinbar war die Zeit dafür immer noch nicht reif.
Das eigenmächtige Verhalten einer Handvoll schwieriger Weggesellen des Wandergrüppchens erfüllte die Trainerin immer mehr mit einem (weiteren) mulmigen Gefühl. Eigentlich wollte sie allen ihren Weggesellen ihre Dankbarkeit erweisen und nicht durch Hinweise auf dunkle Stellen die Gemeinschaft trüben. Aber je deutlicher sie diese dunklen Stellen sah und je mehr sie versuchte, das Gesehene um des “Friedens” willen zu ignorieren oder schön zu färben, desto kraftloser fühlte sie sich. Durch die Strapazen der letzten Zeit war ihr eh allerhand Kraft abgefordert worden, also war “Kraft” nicht unbedingt das, was sie jetzt noch unbegrenzt zur Verfügung hatte. Würde, Achtung, Respekt- genau diese Dinge vermisste sie bei jener Handvoll Gesellen. Nennen wir sie die “Ignoranten-Horde”. Es war ein Jammer. Die Ignoranten sahen nur auf sich selbst, ernannten sich selbst zur “Elite” des gesamten Wandergrüppchens. Sie hatten keinen Respekt vor den eigentlichen Wanderführern, sahen und hörten nur auf sich selbst und priesen ihre Kunst, mit den Wanderstöcken umzugehen. Jedoch machten sie dabei so ein hektisches Geklapper und untermalten das Ganze dauerhaft mit Eigenlob, dass die anderen hinter diesem Geräusch- und Stress- Pegel kaum noch die leise Musik in dem zarten Abendwind hören konnten. Es beeindruckte die Ignoranten-Horde auch nicht im Geringsten, wenn sie beim Jonglieren mit ihren Wanderstöcken jemandem Dreck ins Gesicht wirbelten. Das kam ihnen sogar entgegen, denn dann wirkte die äußerlich makellose Sauberkeit ihrer eigenen Gesichter noch strahlender. Die Trainerin fühlte sich durch diese Entwicklung immer gelähmter. Das Elend auf dem Weg der Trainerin nahm wieder zu. Nach und nach bekam sie auch beim Wandern immer öfter Seitenhiebe durch Ellenbogen oder Gepäckstücke von Wanderern in ihrer Nähe. Was sollte das?
Was war mit der leisen Musik, durch die die Trainerin geheilt worden war? Was war mit der Aufrichtigkeit, mit der das Wandergrüppchen die leise Musik als Kraftquelle genutzt hatte? Wo war das alles geblieben? Hatte die “Elite-Horde” mit ihrem Krach den anderen die Musik verdunkelt? Allein der Gedanke daran machte die Trainerin maßlos traurig.
Um von der leisen Musik etwas zu erhaschen, hielt die Trainerin sich jetzt immer mit Abstand in deutlicher Randlage des Wandergrüppchens auf. Aber sogar dorthin ging immer wieder mal einer der Wanderer, um - ja, um mal kurz seinen Ellenbogen ausschlagen zu lassen und dann mit höhnischem oder überlegen wirkendem Gesicht wieder weg zu gehen. Die Schmerzen waren alles andere als aufbauend. Was sollte das?
Forderte das Schicksal von der Trainerin, dass sie es sich ebenfalls aneignen solle, mit Gepäckstücken zu schlagen oder mit Wanderstöcken Krach zu machen und Weggefährten Sand vor den Latz zu schleudern? Sie konnte es einfach nicht. Es war ihrer Natur total entgegen und auch viel zu kraftaufwendig, sich durch Gewalt Gehör zu verschaffen. Sie empfand so etwas auch als dumm. Dafür hatte sie schon zu viel von der zarten Musik aufgenommen und zu viel vom Wandern kennen gelernt, um so etwas als “intelligent” bezeichnen zu können. Sie fragte sich nur, wie so viele Wanderer so wenig merken können. Wenn die Schmerzen ihr mal wieder hart zugesetzt hatten, drohte sie auch oft von der Aufforderung der leisen Musik abzuirren, nämlich der Aufforderung, ihrer Intuition zu glauben. Die Trainerin verdrängte diese innere Stimme ständig, um Ärger zu vermeiden und zweifelte sich lieber selbst an, als die Dreistigkeit anderer beim Namen zu nennen. Sie war fast vertrocknet in all der Ungerechtigkeit, dem Elend, der Dummheit und den Fiesheiten. Aber im (aller-) letzten Moment kam dann immer wieder ein klitzekleines, aber sehr deutliches Fitzelchen Text in der zarten Musik herüber - irgendwo am äußersten Rand der Gruppe, wo die Musik noch eine Chance hatte - das ihr den Kopf wieder klar machte und das Herz tröstete durch die Bestätigung: “Halte durch! Es wird noch Gerechtigkeit eintreten!”
Viele Wanderer hatten die Trainerin nach und nach durch ihre Ellenbogen-Aktionen “entmutigt“, sich an deren Lagerfeuer nieder zu lassen.
Es war sehr hart, wieder so oft allein am selbstangezündeten Feuerchen zu sitzen. Auch nicht viel anders als bei dem legendären Festzug. Außer -, ja außer dass sie in der Randzone der Wanderer auf z. B. die Bodenständige traf. Die Trainerin und die Bodenständige setzten sich nun regelmäßig hinter geeignete Steine auf dem gerölligen Weg, um dort gemeinsam - geschützt vor der zugigen Kälte, die wie meistens durch die Prärie pfiff - in Ruhe der zarten Musik zu lauschen. Das baute die beiden gleichermaßen auf, sie genossen es in vollen Zügen, konnten kaum abwarten bis zum nächsten Mal. Ein Hauch von der großen Party... Ein Hauch von Freude... So etwas waren ja nur noch Fremdworte für die Trainerin.
Die Bodenständige galt in der Elite-Horde nicht mal als Abschaum, sondern wurde dort erst gar nicht zur Notiz genommen. Galt also als Null. Dabei schöpfte sie aus der leisen Musik viel mehr Kraft als alle “Elitären” zusammen...
Und dann war da ja auch noch die Weise, mit der die Trainerin immer wieder am Feuerchen sitzen und endlich mal ungefilterte Dinge austauschen konnte, ohne Ächtung befürchten zu müssen. Im Gegenteil - sie konnten endlich mal so richtig ablachen - und das weil sie endlich Wahrheiten aussprechen konnten. Schonungslos sprachen sie in trauter Zweisamkeit so manche Wahrheit aus. Je deutlicher eine Sache ausgedrückt und von allen Seiten beleuchtet wurde, desto dringender drohten die beiden vor Lachen überzukippen und sich mit dem rußigen Roststaub einzusauen, der das Lagerfeuer umgab. Fehlte nur noch, sich mit den geschwärzten Fingerchen die Lach- Tränen abzuwischen....
Und dann gab’s da ja auch noch die Genießerische. Auch sie gewährte der Trainerin oft ein Plätzchen am Feuer, da sie selbst auch Einsamkeit hasste und verstehen konnte, wie mies die Trainerin sich fühlte. Dabei waren die beiden eigentlich sehr unterschiedlich. Die Genießerin hatte die wunderbare Gabe, ausgiebig und intensiv genießen zu können. Dafür hatte sie keinen ausgeprägten Tatendrang. Die Trainerin hingegen “tat” viel zu viele Taten, hatte aber Probleme mit dem Genießen. Eigentlich sehnte sie sich danach, endlich genießen zu können. Aber sie schaffte es irgendwie nicht. Schon gar nicht alleine. Durch die Hilfe der Genießerin lernte sie, diesem “Kapitel” etwas auf die Spur zu kommen.
So viel zu ein paar wenigen positiven Dingen am Rande. Es schien hier und da ein Lichtlein aufzuleuchten. Aber unnachgiebig traten noch weitere Ereignisse in der Reihe der Grausamkeiten gegen die Trainerin auf den Plan. Wann würde das Schicksal sie in Ruhe lassen? Was sollte das? Hatte das einen Sinn? Wenn das auch noch mit “ja” beantwortet werden soll - WELCHEN?
Wann wird Ruhe eintreten? Und die Wanderschaft erkennen, wo etwas falsch läuft? Wann wird die Trainerin von Normalität, Respekt, Vertrauen und Frieden umgeben sein? Warum wurde so viel wertvolle Energie zur Sinnlosigkeit verdammt? Hatte der eisige Steppenwind etwas dagegen, dass Wanderer die Party tatsächlich erreichten? Warum unterkühlte er so panisch die Herzen der Wanderer?
Die zarte Musik wurde der Trainerin wichtiger denn je. Sie spürte noch deutlicher die Kraft darin. Niemand konnte es erklären. Aber da war Kraft.
Aus dem zarten Wind und der leisen Musik drangen eines Tages unverhofft deutliche Worte auf. Diese Worte beschrieben die Ereignisse der letzten Zeit und gaben Zukunftsweisung. Die Trainerin starrte ungläubig in die rostige Nebellandschaft und wiederholte immer wieder diese wertvollen Worte, die sie gehört hatte, damit sie diese ja nicht vergisst. Die Weissagung aus der zarten Musik beschrieb das Finden so einer Futterkiste, die immer mal wieder am Weg standen. Eine verschwommene Gestalt mit ein paar Begleitern hatte in dieser Erzählung so eine Futterkiste gefunden und wollte sie öffnen. Da kam schwups ein Knäuel Wanderer an und beanspruchte die Kiste ganz selbstverständlich, ja sogar aggressiv für sich. Die Gestalt und die Begleiter zogen still weiter, sie wollten nichts an sich reißen. Da fanden sie irgendwann wieder eine Kiste und freuten sich sehr. Sie begannen, die erste Latte zu lösen, da standen schwups wieder irgendwelche Wanderer vor ihnen, blickten zornig, aus den Nasenlöchern stieß weißer Dunst hervor. Selbige legten mit intensiver Gebärde ihre Hände auf die Kiste, drückten die Latte wieder herunter, schnaubten noch einmal eine Ladung Nebel aus und nahmen die Kiste mit.
Kommt mir bekannt vor”, dachte die Trainerin. “Warum nur kann ich nicht in Ruhe ‘auspacken‘, ohne dass mir jemand etwas neidet?” Sie war sehr verzweifelt. Die Weissagung ging noch weiter: Die verschwommene Gestalt aus der Erzählung und ihre Begleiter gingen wieder weiter. Als sie zum dritten Mal eine Kiste fanden, trauten sie sich kaum, mit dem Öffnen zu beginnen. Man schaute sich nach allen Seiten um und graste jede Nische genau ab, ob da auch nicht irgend welche Wanderer hervorstürzen könnten, um ihnen ganz ohne jede Gewissensregung die Kiste abzunehmen. Sie waren schon bei der 5. Latte. Immer noch kein Überfall. Allmählich fingen sie an, in die Kiste rein zu schauen... Immer noch kein Überfall. Sie begannen langsam - immer in Panik - ein königliches Picknick aufzubauen. Keine Unruhe. Komisch. Sie konnten es gar nicht so recht fassen. Bis in die Nacht dauerte ihre (ungestörte!) Feier und sie machten an dieser Stelle ein Denkmal in der Prärie mit der Aufschrift “F.R.W.”, was bedeutete: “Friede, Raum, Weite”. Endlich! Wie lange hatten sie sich danach gesehnt, ungestört auspacken zu können!
Erstaunlich. Wirklich erstaunlich”, murmelte die Trainerin immer vor sich hin. Sollte... etwa... sollte sie es etwa wagen, zum dritten Mal sich einem Wandergrüppchen anzuvertrauen.......?
Sie war so entmutigt, dass ihr einerseits alles egal war, aber andererseits war da auch der Mut der Verzweiflung, der sie am Leben hielt. Und da war ja auch die schemenhaft verschwommen aufkeimende (frohe?) Erwartung, dass die Weissagung etwas zu bedeuten hatte und sie vermutlich auf dem richtigen Wege war, auch wenn es momentan noch nicht wirklich so aussah. Nein, es war kein Griff nach dem berühmten Grashalm, sondern irgendwie was Festes, Tragendes, woran sie sich die nächste Zeit klammern konnte und musste, um zu überleben, denn es sollten noch schwere Tage kommen, wo sie aufgrund der Schikanen des Wandergrüppchens beinahe die gesamte Wanderung aufgegeben und sich von einer Klippe gestürzt hätte.
Die Trainerin verließ nun auch die Randzone des Wandergrüppchens und ging alleine weiter. Sie erleichterte ihre Seele von diesen merkwürdigen Gesellen. Sie fielen ihr wie große Grabsteine vom Gemüt. Es rumpelte und pumpelte mächtig und sie merkte, wie sie sich wieder aufrichten konnte. Wieder gerade sitzen - am eigenen kleinen Feuerchen!! Es war ihr, als würden die fliegenden Funken irgendwie im Gleichklang tanzen mit der fernen, leisen Musik. Sie konnte das alles erst mal nur ungläubig bestaunen, zu mehr reichte es noch nicht. Sie ging langsam, sich wundernd, aber sehr zielgerichtet und unbeirrt dorthin weiter, wo sie sich von den “weisen Worten” hindirigiert fühlte.

Sie kannte die Feinheiten und Nuancen unzähliger Beweggründe besser als sonst irgendein Wanderer, der ihr begegnet war. Aber dies konnte sie mit niemandem teilen. All ihre wertvollen Beobachtungen und Forschungsergebnisse musste sie für sich behalten, wenn sie sich nicht an Steinigungen gewöhnen wollte.
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Zwischen den in der Ferne langsam ein wenig kleiner werdenden Wanderern sah sie immer wieder Gestalten hochhüpfen, das sah sehr ulkig aus. Die putzigen Gesellen vergeudeten ihre Kraft, um ständig Wichtigkeit darzustellen und über ihren Kameraden zu stehen... Niemand gebot ihnen Einhalt. Viele waren feige, andere merkten’s nicht wegen gewaschener Gehirne. Jene waren insofern gefährlich, weil sie “fremdgesteuert fundamentalistisch” waren und deshalb oft genau in die falsche Richtung pöbelten. Warum verzichteten unzählige solcher Wanderer auf’s Denken? Die Feigen auf’s Handeln? Die Arroganten auf Integrität?
Die Trainerin vermisste schmerzlich die anfängliche Menschenfreundlichkeit des Wandergrüppchens. Die Arroganten hatten den Hass hineingebracht.
Durch diese Notlage zeigte sich wiederum noch deutlicher, dass auch Furcht und Feigheit vorhanden waren, was vorher nicht so auffiel. Und die falschen Alarm-Macher und zwanghaft-nervösen Schubladen-Stopfer fielen an der anderen Seite vom Pferd...
Oh man, wo war bloß mal jemand, der a) überhaupt die Zähne auseinander kriegte, b) cool blieb und nicht gleich in Hysterie versank, sobald ein neuer Gedanke auf den Tisch kam? Aber es war einfach niemand da, der “optional” denken konnte, Charakter hatte und gerecht blieb.
Die Trainerin machte sich schon Gedanken, wie sie es wohl schaffen könnte, den Rest des Weges bis zur Party zurücklegen zu können, ohne wegen mangelnder Anteilnahme verrückt zu werden. Was für einen Sinn sollte das alles haben? Doch eine Klippe suchen? Oder wider aller Umstände auf nicht mehr zu vermutende Besserung der Wanderbedingungen hoffen?
Sollte diese Mühle der Grausamkeiten die Funktion haben, sie statt mürber noch stärker und trainings-qualifizierter zu machen? Das ist zwar erstaunlich - und auch positiv - aber: Für wen das alles? Wen sollte sie trainieren, wenn sie doch ständig allein war? Warum wurde sie immer weiter ohne Gnade geschliffen wie ein Diamant, wenn doch niemand jemals dadurch geschmückt werden sollte? Wozu so viel sinnlose Quälerei? Sie konnte doch eh schon so viel, warum alles immer noch weiter perfektionieren, wenn es doch niemals zum Einsatz kommen würde? Sie hatte doch auch schon so viele Kilometer hinter sich auf dem Wege zur Party, dass sich das alles eh nicht mehr lohnte... Was für ein Elend!! Verzweifelt schlug sie zwei herumliegende Steine aufeinander. Der Schlag hallte durch die einsetzende Abenddämmerung. Warum war sie mit so vielen Fähigkeiten ausgerüstet, wenn sie es nirgends einsetzen konnte? Da lief etwas entsetzlich falsch - völlig gegen die Natur. Allmählich konnte sie diese Dinge in Worte fassen, was ihr vorher sehr schwer fiel. Sie hatte stets Angst, sich selber zu wichtig zu nehmen oder in irgendeiner Weise egoistisch zu sein. Aber die Einsamkeit gab ihr Gelegenheit, sich ihres Kapitals mehr bewusst zu werden, ja endlich zu verstehen, dass nicht jeder gleich ist, sondern dass das, was sie für selbstverständlich und nichts Besonderes hielt, sehr wohl etwas Besonderes war und das keineswegs bei jedem vorhanden war (und das sie folglich auch bei anderen nicht einfach so voraussetzen konnte - um sich dann aufzuregen, dass da nichts zu finden war...)
Eines Tages hatte die Bodenständige eine Wandermannschaft entdeckt, die “kleine Mannschaft” - ein wahrer Quell der Labsal. Sie berichtete es der Trainerin und nahm sie zu den dortigen Lausch-Festen mit. Man lauschte der zarten Musik. Wie lange hatte die Trainerin sich gewünscht, Wanderer zu finden, die mit ihr gemeinsam dieser Musik lauschen!! Sollte sie dort die weitere Strecke mitwandern?
Kurz zuvor, etwa zur Zeit der Weissagung, hatte auch die Trainerin eine Wandermannschaft entdeckt: Die “große Mannschaft”. Na sowas! Auch dort verspürte sie einen inneren Drang, Gemeinschaft zu haben. Sie war sehr vorsichtig damit, sich zu freuen. Sie hatte ja schon genug Reinfälle erlebt. Vorsichtig? Ja, so vorsichtig wie die Gestalten aus der Weissagung beim Öffnen der dritten Kiste... Sollte sie also wirklich auf dem richtigen Wege sein? Wie gesagt, Vorsicht war angesagt. Da die große und die kleine Mannschaft sich nicht übermäßig weit von einander entfernt durch die Prärie bewegten, hielt die Trainerin sich in der Nähe der großen Mannschaft auf, ging aber auch mit der Bodenständigen zu den Lausch-Festen der kleinen Mannschaft.
Unglaublich! Die Trainerin konnte es kaum fassen. Es kehrte wieder Leben in ihren staubigen Wander-Alltag! Aber Vorsicht. Sie war jetzt immer vorsichtig. Skeptisch. Würden diese Wanderer ehrlich sein? Oder gäbe es auch wieder einen Hinterhalt? Sowohl die große als auch die kleine Mannschaft benahmen sich normal. Das war sehr erholsam für die Trainerin.
Ab und zu dachte sie noch an die Genießerische. Aber diese hatte sich dem ablehnenden Benehmen des aggressiven Wandergrüppchens angepasst. Sie war zwar in der Lage, etwas zu genießen, aber sie litt an Feigheit und Opportunismus. Sie war einfach nicht in der Lage, zu etwas zu stehen, etwas auszuhalten oder selbstständig zu handeln. Sie konnte nicht geben, nur nehmen. Ein bisschen hatte sie schon Fortschritte gemacht, aber wenn sie unter Stress war, verfiel sie wieder in ihre ganz alte Rolle als “schwarzes Loch”. Alles aufsaugen und schlucken, nichts weitergeben, zu allem “ja” sagen. Wie furchtbar! Die Trainerin konnte es nicht mehr ertragen, bettelte immer wieder nach einem wirklichen Wort der Genießerischen, aber es kam nur noch die obligatorische Ja-Sagerei und schließlich gar nichts mehr. War sie von den anderen geimpft worden, das allgemeine Mobbing mitzumachen und die Trainerin durch Ignoranz zu töten?
Trauer wegen all dieser Grausamkeiten mischte sich mit allen möglichen anderen Gefühlen, auch ganz zart aufkeimender Freude, die nach so langer Abstinenz sich ganz eigenartig anfühlte. Vorsicht! Immer Vorsicht. Vielleicht war doch wieder alles nicht echt.
 
 
Tja, was soll man sagen? Die Vorsicht war tatsächlich angebracht. Weder die “kleine” noch die “große” neuentdeckte Wanderschaft entpuppten sich als “die dritte Kiste”. In beiden entpuppte sich hinter der freundlichen Maske die aus den anderen Grüppchen bekannte “Hässlichkeit”. Die Hässlichkeit unnatürlichen Machtgebarens auf der einen Seite und untertäniger Hörigkeit auf der anderen Seite.
Der Trainerin wurde schlagartig bewusst, dass die “dritte Kiste” also noch in keinster Weise gefunden war und sie sich von all jenen durchtriebenen Schrecknissen erst mal für lange Zeit erholen müsse.

Sie setzte die Wanderung alleine fort. Nur in Begleitung der zarten Musik, die aus der Ferne ganz dezent hin und wieder mal zu ihr kam, sie weder belästigte, noch unterdrückte, noch sonst irgendwie quälte.
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